Leserbrief: Erntehelfer in Österreich

-LESERBRIEF-

Die Missstände bei den Erntehelfern in Österreich sind zuletzt mit der Corona-Pandemie ins Licht gerückt. Sie sind ein Beispiel für massive Lohndrückerei am österreichischen Arbeitsmarkt. Gleichzeitig werden diese ermöglicht durch die nationale Unterdrückung ganzer Länder Osteuropas und des Balkans durch die Imperialisten.

Im ersten Lockdown konnten die Saisonarbeitskräfte aus Osteuropa und vom Balkan nicht über die geschlossenen Grenzen. Daraufhin wurde vom Landwirtschaftsministerium wegen „Arbeitskräftemangel“ die „Spargelkrise“ ausgerufen. Während zuerst noch verkündet wurde, man werde diese Gelegenheit nutzen um Arbeitslose aus Österreich als Erntehelfer zu beschäftigen, wurden bald alle Corona-Maßnahmen in den Wind geschlagen und Erntehelfer aus Osteuropa und vom Balkan eingeflogen. Auch über die Arbeitsverhältnisse in der Branche kam einiges ans Licht, wie Bilder von Erntehelfern, die in Ställen untergebracht waren. Beides sorgte für Empörung, änderte aber nichts an den Verhältnissen.

Jährlich werden in Österreich 15 000 Erntehelfer angemeldet. Schätzungsweise weitere 60% arbeiten aber illegal. Über 90% aller Erntehelfer kommen aus dem Ausland, vor allem aus osteuropäischen Ländern und vom Balkan, da es für diese Länder es so gut wie keine bürokratischen Hürden gibt und gleichzeitig wegen der Situation dort ein großer Andrang herrscht.

Ganz offiziell handelt es sich um eine der entrechtetsten Arbeitsbereiche in Österreich. Laut Kollektivvertrag würden den Erntehelfern nur rund 600€ bleiben. Für die meisten schaut aber die Realität noch viel schlimmer aus. Sie werden für 10 Stunden die Woche angestellt, arbeiten aber in Wahrheit 100. Der ohnehin magere Lohn wird oft nur zum Teil ausbezahlt.
Dazu kommt, dass es sich nur um eine Saisonale Arbeit handelt. Am letzten Tag der Ernte ist die Arbeit wieder weg und die Erntehelfer haben das Land zu verlassen. So wird verhindert, dass Erntehelfer im Nachhinein ihr Recht einklagen können. Außerdem gibt es massive Einschüchterung durch die Großbauern, die mit den Kontrollbehörden zusammenarbeiten. Sie wissen, dass sie schlimmstenfalls Nachzahlungen, aber keine weiteren Strafen zu befürchten haben.

Trotzdem gibt es Widerstand. Ein wichtiges Beispiel dafür ist „der Schotthof“ in Tirol, wo über 100 Erntehelfer in Streik getreten sind und damit 110 000 € Nachzahlung erstritten haben. Dieser Widerstand ist gerechtfertigt und zeigt, dass auch in solcher Lage erfolgreich gekämpfen werden kann. Um nachhaltige Erfolge zu erzielen muss aber die Isolation der Erntehelfer durchbrochen werden.

Denn migrantische Arbeiter aus unterdrückten Ländern, wie die Erntehelfer, bilden den untersten und am meisten entrechtetsten Teil der österreichischen Arbeiterklasse, was der Lohndrückerei dient. Gleichzeitig werden Rassismus und Chauvinismus von den Herrschenden verbreitet. Damit sollen die Arbeiter gespalten werden und diese Aushöhlung hart erkämpfter Rechte in Kauf nehmen, solange es nur „die Ausländer“ betrifft. Dabei wirken sich solche Arbeitsverhältnisse auch auf die Löhne österreichischer Arbeiter aus.Deshalb ist es notwendig, dass sich alle Arbeiter in Österreich gegen solche Missstände zusammenschließen, gerade weil diese nicht nur die Ausländer betreffen. Dem Lohndumping und der Arbeitskräftemigration kann man durch die Forderung „gleicher Lohn für gleiche Arbeit!“ entgegenwirken. Nur ein gemeinsamer Kampf der Arbeiter aus Osteuropa und vom Balkan gemeinsam mit österreichischen Arbeitern kann diesem Problem entgegenwirken. In Österreich ist es besonders notwendig, dass sich die österreichischen Arbeiter organisieren und kämpfen.

Arbeitskräftemigration ist eines der größten Probleme in Osteuropa und am Balkan. Schon bescheidene Schätzungen gehen davon aus, dass 1991-2012 18 Millionen Menschen aus der Region in die imperialistischen Länder abgewandert sind. Unter dem Vorwand der „Bewegungsfreiheit“ werden diese Länder unterdrückt und wirtschaftlich ruiniert. Es handelt sich um den Raub der Ware Arbeitskraft, wie das in der Region auch mit anderen Waren geschieht. So werden in Rumänien die letzten Urwälder Europas von österreichischen Unternehmen abgeholzt, wie dem Holzkonzern Schweighofer. Auch Österreich profitiert von dieser halbkolonialen Unterdrückung.

Dagegen gibt es Widerstand. Ein wichtiges Beispiel ist der Kampf der bulgarischen Krankenschwestern. In Bulgarien sind von ehemals 9 Mio Einwohnern 2 Mio abgewandert, viele davon sind Gesundheitsarbeiter. Die verbleibenden Krankenschwestern müssen in einem stark privatisierten Gesundheitsbereich zu Hungerlöhnen arbeiten. Über 80% (!) könnten bereits in Pension gehen.

Die Krankenschwestern in Bulgarien wehren sich und kämpfen seit März 2019 und haben wichtige Erfolge errungen. Kündigungen konnten zurückgenommen werden und (für einzelne Betriebe) große Lohnerhöhungen erzielt werden. Schließlich haben sie die eigenständige und unabhängige Gewerkschaft bulgarischer Krankenschwestern (SBMS) gegründet. Auch mit österreichischen Arbeitern gab es gemeinsame Aktionen. Solche Kämpfe sind beispielhaft. Die internationale Solidarität mit den kämpfenden Krankenschwestern ist sehr wichtig und es ist im eigenen Interesse der österreichischen Arbeiter sie zu unterstützen. Sie zeigen, dass sich die Arbeiter und Unterdrückten zusammenschließen müssen im Kampf gegen nationale Unterdrückung und Imperialismus, und der von ihm erzwungenen Arbeitskräftemigration. Das ist ein wichtiges Beispiel für den gemeinsamen Kampf der Arbeiter verschiedener Länder.

Theresa U.

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