“Schau auf dich, Schau auf mich”: Wer ist für Gesundheit verantwortlich?

Werbespots der Bundesregierung zur Corona-Pandemie prägen nun seit eineinhalb Jahren den Alltag. „Ich halte Abstand. Das ist zwar ungewohnt, rettet aber Leben“ oder „Ich schau auf die Oma und zwar so, dass ich sie im Moment gar nicht besuche, dann kann ich sie nicht anstecken und ich hab meine Oma noch ganz lange“ sind nur zwei Beispiele aus diesen Spots, welche laut dem Bundeskanzleramt „Risikobewusstsein erhöhen“ und „die Ausbreitung des Virus eindämmen“[1] sollen. Das verbindende Element in der Regierungskampagne „Schau auf dich, Schau auf mich“ ist das Handeln jedes Einzelnen, das entweder „Leben retten“ könne, oder eben „für den Tod anderer“ verantwortlich gemacht wird. Die Verantwortung des Staates für die öffentlichen Gesundheitsversorgung wird nebenbei unter den Teppich gekehrt.

Neben unzähligen Inseraten, Werbeeinschaltungen und Videos der Bundesregierung die allesamt die individuelle Verantwortung gegenüber der Ausbreitung der Pandemie in den Vordergrund stellen, gibt es keine einzige (!) Werbeeinschaltung welche die Frage des Gesundheitswesens zum Thema hat. Als wäre die Überlastung des Gesundheitssystems, Engpässe oder die so viel beschworene „Triage“ eine Frage des individuellen Verhaltens, und nicht das Resultat eines jahre- und jahrzehntelangen Abbaus der öffentlichen Gesundheitsversorgung. Es ist kein Geheimnis, dass die Pandemie vor allem in jenen Ländern und Gebieten besonderen gesundheitlichen Schaden anrichten konnte, wo die öffentliche Gesundheitsversorgung entweder so gut wie gar nicht vorhanden ist (USA, Indien, Brasililien, etc.) oder zum Opfer von Privatisierungen und Einsparungen wurde (Spanien, Italien, Griechenland, etc.). Auch in Österreich waren sich in den letzten Jahren alle parlamentarischen Parteien einig, dass das Gesundheitswesen in Österreich „nicht effizient“ genug wäre, zu viele Kosten verursachen würde und deshalb dringend eingespart werden müsse. Nicht nur gab es seit Beginn der 1990er Jahre eine Reduktion von ca. 30% der Akutbetten in ganz Österreich, auch ein Drittel des gesamten Fachpersonals im intensivmedizinischen Bereich wurde eingespart. Dass also das „individuelle Verhalten“ hauptsächliche Verantwortung für den Verlauf der Pandemie, oder gar für die angebliche Notwendigkeit von „Lockdowns“ tragen würde, ist nichts als eine Verschleierungstaktik, um weiterhin am Kurs des Sozial- und Gesundheitsabbaus festhalten zu können.

Geht es nach den Interessen der Herrschenden, soll die individuelle Verantwortung für die Gesundheit fest im Bewusstsein der Bevölkerung verankert werden. Und dieses Ziel lässt sich die Regierung auch einiges kosten: Alleine in den ersten fünf Monaten der Pandemie gab die Regierung 20 Millionen[2] für die Kampagne „Schau auf dich, Schau auf mich“ aus. Im selben Zeitraum wurde von Türkis/Grün ein Einsparungspaket von 130 Millionen bei Gesundheit und Pflege beschlossen. Und nun verortet das Gesundheitsministerium ein weiteres Einsparungspotential von 4,7 Milliarden Euro im Gesundheitswesen durch Digitalisierung.

Doch die angestrebte „individuelle Verantwortung“ heißt nicht, dass das Individum mehr Entsch- eidungsfreiheit in dieser Frage bekommen würde. Im Gegenteil, es bedeutet, dass das Gesundheitswesen noch mehr nach den Interessen des Kapitals ausgerichtet werden soll. Für die Mehrheit der Bevölkerung muss es hingegen darum gehen ein Gesundheitswesen im Dienst der Arbeiter und des Volkes zu erkämpfen, also jener die ohnehin für die Kosten des Gesundheitswesens aufkommen!

Nadia K.

Quellen:

[1] Bundeskanzleramt

[2] Kontrast.at

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s