Home-Office: Rückschritt für Arbeitsrechte

Heimarbeit, neuerdings als „Home-Office“ bezeichnet, wird nun für viele Beschäftigte zum Alltag des Arbeitslebens. Viele Firmen haben schon umgestellt, teilweise die Büroflächen reduziert und auch ein neues Gesetz zum „Home-Office“ wurde im April verabschiedet. Was aber heißt die Heimarbeit für die Arbeitsrechte der Beschäftigten und für die Arbeiterklasse insgesamt?

Vor allem große Konzerne freuen sich über den raschen Übergang zur „neuen Arbeitswelt“. In nicht einmal eineinhalb Jahren wurde das sogenannte „Home-Office“ von einer Ausnahmeerscheinung zur Normalität in vielen Bürojobs. Nicht nur belegen Studien über die letzten eineinhalb Jahre, dass Angestellte im Home-Office „produktiver“ seinen, auch das Einsparungspotential steht für die Kapitalisten an wichtiger Stelle. Inge Reischl, Leitende Sekretärin des ÖGB meinte, dass es eine Kostenverschiebung zuungunsten der Arbeitnehmer gäbe: „Es gibt Beratungsfirmen, die sagen, bei mittleren und großen Unternehmen rechnet man mit einer Einsparung von 20 Prozent bei Räumen und zwölf Prozent bei den Nebenkosten. Und diese Kosten tragen nun Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer“ [1]. Neben dieser wichtigen Feststellung hat jedoch der ÖGB das neue Home-Office Gesetz mitausverhandelt, das ebenfalls zuungunsten der Beschäftigen ist. Darin wird geregelt, dass der Höchstbetrag an Arbeitsmittel pro Jahr 300 Euro beträgt und eine zusätzliche Anschaffung von ergonomischem Mobiliar bis zu einem Betrag von 300 Euro im Jahr steuerlich absetzbar ist. [2] Während das natürlich viel zu wenig ist um den Arbeitsplatz halbwegs gesundheitsschonend einzurichten, ist der Stromverbrauch (viele hatten im Jahr 2020 Nachzahlungen zu begleichen) von den Beschäftigen zusätzlich zu bezahlen. Viele größere Betriebe hatten billigere oder gratis Betriebsausspeisungen, auch das sparen sich die Kapitalisten nun ein. Zusätzlich hat das Arbeitsinspektorat kein Betretungsrecht für private Räume der Angestellten und die Evaluierung „soll durch den Arbeitnehmer selbst erfolgen“. All das zeigt, dass ein großer Teil der Arbeitsrechte im Home-Office ausgehebelt wird und die zusätzlichen Kosten für die Beschäftigten einer indirekten Lohnkürzung entspre- chen.

Laut einer Studie die zum Home-Office in Deutschland durch die Unternehmenssoftware-Vergleichsplattform Getapp im Mai 2021 veröffentlicht wurde, hat die Mitarbeiterüberwachung mit dem Home-Office stark zugenommen. Während vor der Pandemie rund zehn Prozent durch den Chef überwacht wurden, kamen mit der Pandemie weitere elf Prozent dazu, was heißt, dass jeder fünfte davon betroffen ist. Wenn das Home-Office nicht mehr als „krisenbedingte Notwendigkeit“ dargestellt werden kann, wird diese Zahl wahrscheinlich stark steigen. Laut dieser Studie geben heute schon 62 Prozent der Befragten an, dass sie gegen solche Überwachungsmaßnahmen sind und nur ein Viertel jener die dazu eine Einverständniserklärung unterschrieben haben, machten das aus eigener Entscheidung. Der Rest weil sie dazu gedrängt wurden.

Das Home-Office ist auf die Spitze getriebene Flexibilisierung der Arbeitszeit. Die Arbeitsdirektorin des Konzerns Bosch, Filiz Albrecht, drückte es so aus: „Im Fokus steht das Ergebnis, nicht die Präsenz“. Das ist die Sicht der Kapitalisten. Das Interesse der Arbeiter und Angestellten ist das Gegenteil davon. Es geht ihnen nicht um den größtmöglichen Profit des Chefs, sondern um ihren Lohn der nach Stunden bezahlt wird. Wenn aber die Stunden nicht mehr wichtig sind, weil man ohnehin alles „selbst und flexibel“ einteilen könne, vertieft sich mit dem Home-Office die Ausbeutung der Beschäftigten. Gefordert wird eine Flexibilität rund um die Uhr, auch am Wochenende „darf“ man arbeiten, jedoch ohne Wochenendzulage. Zur Frage warum die „ständige Erreichbarkeit“ nicht im Home-Office Gesetz behandelt wird, meinte Sophie Karmasin von der ÖVP, dass man ja nicht für alles eine gesetzliche Regelung finden müsse, weil „ins Gesetz geschrieben heißt nicht, dass es eingehalten wird“. Das zeigt woher der Wind weht: Willkür und vollkommene Entrechtung! Denn wenn man es ohnehin nicht kontrollieren könnte, bräuchte man ja auch keine Gesetze dafür. In diesem Punkt hat sich in der Heimarbeit seit 150 Jahren nichts verändert.

Eines der größten Probleme der Heimarbeit ist die Individualisierung der Beschäftigten und die fehlenden sozialen Kontakte. Während bei Schülern zahlreiche Studien darüber gemacht werden, dass Home-Schooling schlecht für die soziale Entwicklung ist, wird das beim Home-Office gekonnt ignoriert. Home-Office fördert die soziale Isolierung und Vereinzelung der Beschäftigten und verhindert die kollektiven Interessen der Beschäftigten zu stärken. Das ist auch der Grund, warum die Kapitalisten darüber so jubeln. Die Schlagkraft der Arbeiter und Angestellten ist der „Druck der Masse“, ihre kollektive Aktion! Es ist genau dieser Grund, warum sich die klassenbewusste Arbeiterbewegung immer gegen Heimarbeit gestellt hat, da sie die Arbeiter und Angestellten vereinzelt und ihre Schlagkraft stark hemmt.

Ein Teil der Beschäftigten im Home-Office sehen den Wegfall des Arbeitsweges (langes Pendeln oder im Stau stehen) als Erleichterung an, oder geben an, dass sie sich Zuhause besser konzentrieren können als im Großraumbüro. Das zeigt reale Probleme auf, denn oft sind drei Stunden Arbeitsweg pro Tag Normalität, genauso wie dicht zusammengedrängte und riesige Bürohallen. Die Lösung dieser Probleme kann aber nicht die Heimarbeit und Vereinzelung sein, sondern der kollektive Kampf für bessere Bedingungen im Betrieb. Das ist kein Wunschtraum, denn in manchen Branchen war sogar bezahlter Arbeitsweg oder bezahlte Ausspeisung Normalität! Dass solche Argumente von den Kapitalisten als „Vorteile“ der Heimarbeit benützt werden können, zeigt das Fehlen von kämpferischen Gewerkschaften und den Verrat der ÖGB-Spitze, die im Grunde dieselben Argumente wie die Wirtschaftskammer bringt und die Frage der Kollektivität nicht einmal in den Mund nimmt. Nicht die Heimarbeit löst Probleme der Beschäftigten, sondern der gemeinsame Kampf, die kollektive Stärke ihrer Organisierung bringt immer weitere Fortschritte. Alle kämpferischen und klassenbewussten Teile der Arbeiter und Angestellten müssen sich gegen jede „Normalisierung“ der Heimarbeit stellen, denn sie widerspricht all ihren grundlegenden Interessen und geht weit hinter die Errungenschaften der Arbeiterbewegung zurück. Unvertrauen in die Stärke und Kampfkraft der Arbeiter und Angestellten hilft nur den Kapitalisten, das führt uns die neue Heimarbeit klar vor Augen!

Johanna K.

[1] Der Standard

[2] WKO

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