Oberösterreich: Einschränkung demokratischer Rechte trifft auch Volkskultur.

In Ebensee im oberösterreichischen Salzkammergut findet alljährlich der „Fetzenumzug“ am Rosenmontag („Fetzenmontag“) statt, eine mehrere hundert Jahre alte Faschingstradition, die ihre Wurzeln wohl in der lokalen Kultur der frühen Arbeiterschaft, v.a. der Salinenarbeiter, hat. Es handelt sich dabei also um einen alten und fest verwurzelten Brauch der Volkskultur, der auch demokratischen Charakter besitzt (z.B. im Ritual der Kritik des Publikums und der Politiker am Höhepunkt des Umzugs [1]). Aufgrund der Corona-Maßnahmen wurden dieses Jahr alle Ebenseer Faschingsumzüge untersagt, auch der Fetzenumzug. Davon ließ sich die traditionsbewusste Ebenseer Bevölkerung aber nicht beeindrucken, weshalb trotzdem rund 240 Personen zum Umzug erschienen.

Die Polizei wagte es zuerst nicht, das Verbot vollständig durchzusetzen, doch sie sprach 40 Ermahnungen wegen mangelndem Abstand aus. Nachdem der Fetzenumzug aber wie gewöhnlich länger dauerte, wurde später auch die ab 20 Uhr geltende Ausgangssperre von den Teilnehmenden missachtet. Daraufhin wurden durch den lokalen Polizeiposten mehrere Streifen zusammengezogen und die „Wiederherstellung der Ordnung“ in Angriff genommen. Es wurden 40 Anzeigen erstattet, wobei davon nur fünf ihren Grund in den eigentlichen Gesundheitsschutzmaßnahmen finden (Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes und Frage des Sicherheitsabstandes) und eine Anzeige wegen der Missachtung des Ausschankverbotes ausgesprochen wurde. Hingegen betrafen 34 Anzeigen einzig und alleine die Missachtung der Ausgangssperre! Hier zeigt sich klar, was Sache ist: Kostspielige Anzeigen werden verteilt und die Ausübung einer uralten Volkskultur wird eingeschränkt, wegen der politischen Maßnahme der Ausgangssperre und des Versammlungsverbots, nicht wegen der eigentlichen Gesundheitsschutzmaßregeln (wobei selbst deren Sinnhaftigkeit nicht unumstritten ist).

Im Gegensatz zur freiwilligen und ungezwungenen Praktizierung der Volkskultur, ist es den Herrschenden natürlich vollkommen egal, wenn hunderte Arbeiterinnen und Arbeiter in den Fabriken zusammenkommen, oder man sich mit hunderten anderen Menschen in überfüllte Züge setzen muss. Da ist man dann nicht mehr so zimperlich. Auch die katholische Kirche betreffend ist es ähnlich, denn auch sie darf ihre Veranstaltungen, unter der eigenverantwortlichen Einhaltung diverser Maßnahmen, ganz selbstverständlich abhalten! Aber wehe die Massen machen etwas auf eigene Initiative, ohne Kontrollinstanz, oder etwas, was nicht dem Profit der Kapitalisten dient, dann wird ganz schnell der „Gesundheitsschutz“ hervorgeholt, wie am Ebenseer Fetzenmontag.

Traditionelle Tracht für den „Fetzenmontag“, Ebensee

Ausgangssperren und andere Einschränkungen demokratischer Rechte treffen also nicht nur politische Aktivität und das demokratische Grundrecht auf Versammlung, sondern behindern, wie am Beispiel des Ebenseer Fetzenmontags deutlich zu sehen, auch die Ausübung der Volkskultur. Nicht nur Konzerte, Breitensport, oder große Kulturinstitutionen wie Museen, sind von der Corona-Politik der herrschenden Klasse schwer getroffen, sondern auch die seit Generationen praktizierte, demokratische Kultur der Volksmassen. Es ist vollkommen richtig sich dagegen zur Wehr zu setzen, denn es muss ungeteiltes Recht sein, dass wir unsere Kultur leben und praktizieren können. Jahrhundertealtes Brauchtum wird sich nicht den antidemokratischen Einschränkungen durch die Herrschenden beugen!

Aufhebung aller Anzeigen des Ebenseer Fetzenmontags!

Keine Einschränkung der Volkskultur unter dem Deckmantel des „Gesundheitssschutzes“!

Kultureinrichtungen und Breitensport sofort öffnen!

P. G.

[1] Eines der demokratischen Elemente dieses Brauchtums ist das „Richten“ (Fetzengericht), das jeweils stattfindet, wann der Umzug vor das Gemeindeamt gekommen ist. Dabei werden Politiker für unpopuläre Entscheidungen, oder Einwohner für üble Taten des vergangenen Jahres vor hunderten Versammelten kritisiert. Die Kritik erfolgt durch bestimmte Fetzen (= Teilnehmer in der traditionellen Tracht des Umzugs), also in der Regel maskiert. Diese Form der Kritik an Politikern war lange Zeit die einzige Möglichkeit, öffentliche Kritik an den Vertretern der herrschenden Klasse vorzubringen, wenngleich auch als Brauch und „Faschingsspaß“ verkleidet. Die Kritik übler Taten einzelner Einwohner hingegen, muss als ein gewisser demokratischer Ordnungsfaktor verstanden werden, mit dem das Volk seine inneren Konflikte (z.B. Schulden, Trunkenheit, Grundgrenzen, Ehebruch, etc.) ansprechen und kritisieren konnte, ohne dabei auf die Organe der Obrigkeit (Polizei, Gerichte, etc.) angewiesen zu sein.

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