75 Jahre „Österreichische Volksstimme“!

Vor genau 75 Jahren, an einem Sonntag, 5. August 1945, einen Tag vor dem katastrophalen und verbrecherischen Atombombenabwurf auf Hiroshima, erschien die erste Nummer der „Österreichischen Volksstimme – Organ der Kommunistischen Partei Österreichs“. Damit wurde ein wichtiges neues Kapitel der Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung eröffnet.

Die „Österreichische Volksstimme“ wurde als zentrales Organ der KPÖ zur Nachfolgerin der „Roten Fahne“, welche ab 1919 so hieß (aber unter anderen Namen seit 1918 erschien) oftmals zensiert und ab den beginnenden 1930er Jahren gänzlich verboten wurde, doch im Untergrund weiter hergestellt und verbreitet wurde. Es wurde ein illegales Netzwerk über halb Europa gespannt, um die Rote Fahne zu produzieren und – Teilweise ganze LKW-Ladungen voll – an die Grenze zu bringen und dann ins Land zu schmuggeln. Somit begleitete die Rote Fahne als Sprachrohr der KPÖ den Kampf der österreichischen Arbeiterklasse und Volksmassen selbst in den dunkelsten Stunden. Auch in der Schweiz gab es vorübergehend eine geheime KPÖ-Druckerei, der Schmuggel der Zeitung verlief auf dieser Route über die geheime KPÖ-Organisation unter den Eisenbahnern und führte zu manchen kuriosen Situationen. So berichtete 1955 ein ehemaliger Rote-Fahne-Redakteur in der Österreichischen Volksstimme: „Tapfere Genossen, die als Schaffner bei den internationalen Zuggesellschaften arbeiteten, versteckten Zeitungspakete in den Sitzen der Speisewagen und als der damalige [austrofaschistische] Bundeskanzler Schuschnigg einmal in solch einem Wagen sein Mittagessen einnahm, dürfte er wohl kaum geahnt haben, daß er auf der ‚Roten Fahne‘ saß.“ (1) Die Rote Fahne, die in den Stürmen der Revolution von 1918 geboren wurde, war die direkte Vorläuferin der Österreichischen Volksstimme – ein großes Erbe, das es weiterzuführen galt.

ÖSV_Geschichte3

Dennoch sollte die Österreichische Volksstimme anders konzipiert werden, als die Rote Fahne. Es ging der damals noch wirklich kommunistischen KPÖ darum, auf Grundlage der Tradition der Roten Fahne ein neues Selbstverständnis im Parteiorgan durchzusetzen. Wortwörtlich sollte diese neue Zeitung eine „Stimme des Volkes“ werden, also über die organisierten Arbeiterinnen und Arbeiter, über jene Massen die schon in Sympathie mit der KPÖ waren, oder sich bei ihr organisierten, sollte die Österreichische Volksstimme ein Blatt sein, das für eine breite Leserschaft geeignet und gut lesbar, „einfach“ geschrieben war. Daher erinnert sich ein ehemaliger Redakteur: „Die ‚Volksstimme‘ sollte eine Parteizeitung sein, aber volkstümlicher, als es unsere Zeitung in der ersten Republik war; sie sollte eine Zeitung der bewußten, kämpferischen Arbeiterklasse sein, aber zugleich ein Blatt, das auch andere Kreise der Bevölkerung anspricht, es sollte die Stimme des Volkes sein: So wurde der neue Name des Zentralorgans unserer Partei geboren.“ (2) Dabei war die Österreichische Volksstimme nicht das erste Zeitungsorgan, das im befreiten Österreich erschien. Da war einerseits die von der Roten Armee herausgegebene „Österreichische Zeitung“, die kurz nachdem sowjetische Truppen erstmals österreichischen Boden betreten hatten, am 15. April 1945 erstmals erschien. Im Frühsommer 1945 erschienen dann erstmals mehrere Zeitungen, die aber allesamt eher dem bürgerlichen Lager zuzurechnen waren (und sind), z.B. die „Oberösterreichischen Nachrichten“, oder die „Salzburger Nachrichten“. Das erscheinen einer kämpferischen Zeitung des Volkes wurde daher immer dringlicher. Mit der ersten Nummer der Österreichischen Volksstimme, wurde diese Lücke geschlossen. Mit ihrem klaren und kämpferischen Stil, zeichnete sie sich vor allen anderen Zeitungen aus. In einem Artikel der zu ihrem zweiten Jahrestag veröffentlicht wurde, schrieb man über diese Sonderstellung: „Das trägt ihr die Liebe der einen und den Haß der anderen ein. Die ‚Österreichische Volksstimme‘ fühlt sich als Gärstoff in der öffentlichen Meinung, der zur Auseinandersetzung und zur Klärung drängt. Welch trübes, sumpfiges Gewässer wäre das, was man öffentliche Meinung nennt, wenn die ‚Volksstimme‘ nicht wäre!“ (3) Doch nicht nur ihre inhaltliche Ausrichtung hob die Österreichische Volksstimme von der sonstigen Medienlandschaft Österreichs ab, sondern auch ihrer personellen Zusammensetzung nach stach sie hervor: über Jahre hinweg gab es keine Medien-Redaktion, in der so viele Frauen und Juden journalistisch tätig waren.

Zeitungen_nach_1945

Die Österreichische Volksstimme zeichnete sich auch dadurch aus, dass in ihr die unversöhnliche und konsequente Gegnerschaft gegenüber den Nazis eine deutliche und klare Stimme fand und sich das Blatt den Kampf für die Entnazifizierung, den festen Einsatz für die Vernichtung aller Überreste des Faschismus deutlicher als jede andere Zeitung auf die Fahne schrieb. Schon in der ersten Nummer schrieb Johann Koplenig (damals Vorsitzender der KPÖ): „In den Monaten seit unserer Befreiung ist viel geschehen, zu dem manches zu sagen ist; noch mehr ist nicht geschehen – und dazu ist noch viel mehr zu sagen. Vor der freien und demokratischen Presse stehen große, schöpferische Aufgaben. Sie wird, indem sie den Finger auf die schwachen und wunden Stellen legt, mithelfen dem Volk die wahren Hindernisse zu zeigen, die sich unserer Genesung und dem Wiederaufbau unserer Heimat entgegenstellen; sie wird dem Volk den Weg zu weisen haben, den wir zur Überwindung der Schwierigkeiten und Hindernisse gehen müssen. Die neue Zeitung der Kommunistischen Partei, die ‚Österreichische Volksstimme‘, ist entschlossen, ebenso entschlossen wie die Partei selbst, sich mit aller Kraft und Leidenschaft, aber auch mit aller Liebe zu unserem Volk dieser Aufgabe zu widmen. Wir Kommunisten fühlen uns verantwortlich für das Schicksal unserer befreiten und neugeborenen Heimat. Wir sind stolz darauf, die Partei zu sein, die im Kampf für das neue Österreich die größten Blutopfer gebracht hat. Wir leiten daraus keine Ansprüche ab, sondern nur die Verpflichtung, jede Wiederkehr des Faschismus, jede Wiederkehr der deutschen Aggression gegen unser Land für alle Zeiten zu verhindern. (…) Die Kommunistische Partei war, ist und bleibt eine Arbeiterpartei. Wir würden aber die Interessen der Arbeiter schlecht vertreten und führen, wenn wir in unserem Kampf nicht die Interessen des ganzen Volkes, nicht das alle demokratischen Kräfte des Volkes einigende, gemeinsame Interesse des Volkes vertreten würden.“ (4) Entgegen den beiden falschen und verlogenen Thesen von „Kollektivschuld“ oder „bloßes Opfer“ spricht Koplenig in diesem Artikel außerdem von einer „Mitschuld“ des österreichischen Volkes an den Verbrechen der Nazis: „Die Lage Österreichs ist heute nicht leicht, schwer haben wir an den Folgen des Krieges zu tragen, den wir nicht ohne Mitschuld an der Seite Hitlers geführt haben.“ (5) Es ist schlichtweg erlogen, wenn heute revisionistische und sozialdemokratische Schreiberlinge und Historiker so tun, als ob die KPÖ nach der Befreiung die Position vertreten hätte, dass Österreich ein „bloßes Opfer“ der Aggression war. Sehr wohl hat die KPÖ und mit ihr die Österreichische Volksstimme nämlich gesehen, dass es Teile vor allem der herrschenden Klasse waren, die nationalen Verrat begingen und zu den Nazis übergelaufen sind – und das wurde auch so benannt. Gleichzeitig ist der heute oft vertretene liberale Standpunkt der „Täternation“ ebenso falsch wie die „Opferthese“ und entspricht nicht den Tatsachen, leugnet die vielen organisierten WiderstandskämpferInnen und ebenso die tausenden von den Nazis deshalb Ermordeten.

Österreichische Volksstimme - Das Blatt der Partei

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Die Österreichische Volksstimme wurde somit nicht nur zum Organ der KPÖ, sondern zum Organ all derer, die in Fortführung des Kampfes um nationale Freiheit und Unabhängigkeit radikal die Überreste des Faschismus beseitigen wollten. Der Kampf um ein demokratisches Österreich war dabei nicht getrennt vom Kampf um den Sozialismus. Daher war es auch nicht so, dass der Kampf um Demokratie als eine eigene Phase, unabhängig vom Kampf um den Sozialismus, betrachtet worden wäre, sondern im Gegenteil: der Kampf um ein neues Österreich wurde als Auseinandersetzung um die bestmöglichen Bedingungen für den Kampf um den Sozialismus aufgefasst! (6) Die Österreichische Volksstimme war dabei nicht nur Sprachrohr, sondern auch hervorragende Organisatorin.

Im Verhältnis zur Internationalen Kommunistischen Bewegung und im Zuge von harten inneren Auseinandersetzungen und Kämpfen, wurde auch in der KPÖ die kommunistische Weltanschauung entsorgt und durch bestimmte bürgerliche Weltanschauungen ersetzt. Als Reaktion darauf, organisierten die Kommunisten eine neue Zeitung, abermals die Rote Fahne. Diese war wiederum, wie schon jene in Zeiten der ersten Republik, sehr eng gehalten und sprach vor allem die fortgeschrittensten Arbeiterinnen und Arbeiter an. Die heute noch erscheinende und von der KPÖ herausgegebene „Volksstimme“ spiegelt den tiefen Niedergang wieder, den diese einst so große und stolze Partei erlebte. Heute ist die „Volksstimme“ das Monatsblatt eines spießigen, akademischen Linksliberalismus, vollkommen untauglich um die Interessen der Arbeiterklasse und des Volkes zu vertreten. Ein Massenblatt wie die Österreichische Volksstimme aber, wurde seit den 1960er Jahren keines mehr hervorgebracht, wenngleich Zeitungen wie unser Infoblatt in der direkten Tradition dieser großen Zeitung stehen. Jene Kommunistinnen und Kommunisten die heute darum kämpfen den Volksmassen und der österreichischen Arbeiterklasse ihre Partei zurückzugeben, werden nicht müde werden ihren Kampf auch um die Wiedererrichtung der Österreichischen Volksstimme zu führen. Diesen Kampf wollen wir mit all unseren Kräften unterstützen, denn wenngleich die Lage eine gänzlich andere ist: ebenso wie im August 1945 braucht es auch im August 2020 eine wahrhafte „Stimme des Volkes“!

Des Volkes Stimme - Österreichische Volksstimme

(1) Österreichische Volksstimme, 1.5.1955
(2) Volksstimme, 1.8.1965
(3) Österreichische Volksstimme, 5.8.1947
(4), (5) Österreichische Volkssstimme, 5.8.1945
(6) Mit einer „antimonopolistischen Zwischenetappe“ oder ähnlichen neueren „Interpretationen“ hatte dieser Kampf aber nichts zu tun.

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