Interview: „Es braucht mehr als nur Klatschen“

Interview des „Antifaschistischen Aktion – Infoblattes“ mit drei Frauen des Frauen-Kampfbündnisses, das mit dem Plakat „Und was ist mit den Beschäftigten“ ein kraftvolles Zeichen für die Anliegen der Beschäftigten im Handel setzte. Interview erstveröffentlicht am 28. Juni 2020.

AfA: Danke dass ihr euch die Zeit genommen habt für das Interview. Könnt ihr uns zu Beginn über euer Frauen-Kampfbündnis berichten, wir kam dies zustande?

Emma: Wir sind Frauen von unterschiedlichen Organisationen die sich schon länger kennen und gemeinsam in verschiedenen Zusammenhängen, wie beispielsweise zum Internatonalen Frauenkampftag, dem 8. März, aktiv wurden. Das Frauen-Kampfbündnis hat sich dann auf Grund der aktuellen Notwendigkeit der Solidarität mit den Beschäftigten im Handel gebildet.

Luzifa: Wir haben uns im Zuge der Corona-Krise zusammengeschlossen, wo einmal mehr offensichtlich wurde wie wichtig die Beschäftigten in den sogenannten „systemrelevanten“ Berufen sind, wie beispielsweise im Handel. Es braucht aber mehr als nur Klatschen, die Löhne müssen erhöht werden und die Arbeitszeit verkürzt! Dafür hat sich das Bündnis gebildet.

Nadja: Das Bündnis hat sich in den letzten Monaten durch verschiedene gemeinsame Aktivitäten und Veranstaltungen heraus gebildet, jetzt wurde aber klar, dass es ein eigenes „Frauen-Kampfbündnis“ dringend braucht. Im Zuge der wichtigen Proteste im Gesundheits- und Sozialbereich für die 35-Stunden-Woche gab es eine gemeinsame Veranstaltung über Kämpfe von Frauen in den Betrieben, vor allem in der Pflege, dem Sozialbereich und im Handel. Dort wird offensichtlich, dass Frauen mehr als nur „Zusatzarbeitskräfte“ sind, jedoch bekommen sie nur einen „Zusatzlohn“ von dem die meisten nicht eigenständig leben können. Ganz zu schweigen von den furchtbaren Arbeitsverhältnissen in diesen Branchen. Mit den Corona-Maßnahmen verschlimmerte sich die Lage der Beschäftigen enorm und wir ergriffen die Initiative für dieses Plakat.

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AfA: Das Plakat „Und was ist mit den Beschäftigten“ sorgte zum Teil für viel Aufmerksamkeit. Es wird zwar viel über „die klassische Billa-Kassiererin“ gesprochen, es richten sich aber selten Initiativen direkt an die Betroffenen. Was waren die Beweggründe für dieses Plakat?

Nadja: Die sogenannte „Corona-Krise“ hat in Wahrheit ganz klar offen gelegt, dass gerade in Krisenzeiten nicht alle gleich sind. Die Kapitalisten wurden mit vielen Millionen unterstützt, während es für die Beschäftigten im Handel immer schwieriger wurde. Es war auch vor Corona kein Geheimnis, dass die Arbeitsbedingungen im Handel besonders schlecht sind, niemand hat sich darum gekümmert. Jetzt wurde allerdings deutlich, dass auch die Gesundheit der Beschäftigten im Handel für die Kapitalisten nichts zählt, es wurden dort nicht einmal jene KollegInnen freigestellt die zur Risikogruppe gehören. „Nicht jedes Leben ist gleich viel Wert“ das war das eigentliche Motto der kapitalistischen „Corona-Krisenbekämpfung“. Das war ein zentraler Punkt am Plakat, womit gezeigt wurde, dass es darum gehen muss den Kampf der Beschäftigten zu entwickeln indem ihre Forderungen verbreitet werden.

Emma: Dank allein für die Mühen der Beschäftigten ist zu wenig. Der viele Applaus den es in den letzten Monaten für die Beschäftigten im Handel gegeben hat, kann aber ein Anfang dafür sein um bewusst zu machen was die Beschäftigten in diesen Bereichen alles leisten. Mit dem Plakat wollen wir vor allem die Forderungen von Beschäftigten im Handel, wovon die Mehrheit Frauen sind, öffentlich und sichtbar machen, um sie in ihren Anliegen zu stärken. Diese Form der Solidarität soll eine Kraft dafür sein Arbeitskämpfe der Beschäftigten zu unterstützen und zu entwickeln, und auch dafür die Kundinnen und Kunden die ja auch zum größten Teil Beschäftigte in anderen Bereichen sind, zur Solidarität aufzurufen. Es ist zu wenig wenn sich dafür bedankt wird, dass es weiterhin möglich war einkaufen zu gehen, sondern es geht vor allem darum, dass auch unter Bedingungen stattfinden soll die im Interesse der Beschäftigten liegen. Eine kämpferische Organisierung in Branchen die vor allem durch Flexibilität, Zersplitterung und prekäre Arbeitsverhältnisse gekennzeichnet sind, ist nicht einfach. Wir denken deshalb, dass es auch aktionistische Aktivitäten braucht um die Beschäftigten dort zu bestärken.

Ein ausschlaggebendes Ereignis war auch der Beschluss des SWKÖ-KV der ein Verrat der Gewerkschaft war. Hinter dem Rücken der Beschäftigten, die lange gekämpft und gestreikt haben um die 35-Stunden Woche zu erreichen, wurde ein mieser Abschluss ausgehandelt. Das hat uns nochmals bestärkt uns direkt an die Beschäftigten zu richten bzw. Forderungen von Beschäftigten in Handel sichtbarer zu machen.

Die Verbesserungen der Arbeitsverhältnisse von Frauen müssen unbedingt Teil des Kampfes der Frauenbewegung sein und die Linke generell muss die Arbeits- und Lebensverhältnisse von Frauen grundlegend im Blick haben. Das hat sich jetzt in der Corona-Krise noch einmal deutlich gezeigt. Gewalt gegen Frauen wurde ganz am Anfang auch in der Öffentlichkeit mehr thematisiert. Aber es wurde so dargestellt, dass es in einer Krise und durch die verordnete Ausgangssperre scheinbar selbstverständlich zu einem Anstieg von männlicher Partnergewalt gegen Frauen kommt. Aber es nicht selbstverständlich sondern dies ist struktureller Sexismus. Männliche Partnergewalt ist darin eine Gewaltform, männliche Kontrolle über Frauen aufrecht zu erhalten bzw. durchzusetzen. Diesen strukturellen Sexismus müsste die Gesellschaft politisch diskutierten, wie es die Frauenbewegung schon lagen tut. Doch die Beschäftigten beginnen sich wegen der schlechten Lage zu organisieren, auch in der Pflege haben sich Beschäftigte nun eine eigene Organisation geschaffen.

Luzifa: Angriffe auf die Organisierung von Beschäftigten im Handel sind keine Seltenheit. Beispielsweise wurden beim Drogeriekonzern Müller Beschäftige gekündigt weil sie einen Betriebsrat gründen wollten. Bei Müller ist es beispielsweise für die Beschäftigten verboten während der Arbeitszeit zu trinken und zu essen. Gerade weil sie Dinge wie diese offen legen wollten, verhinderte die Geschäftsleitung mit allen Mitteln die Gründung eines Betriebsrates.

AfA: Die Corona-Maßnahmen haben die Arbeit von Frauen stark in die Öffentlichkeit gestellt, was kann getan werden, dass es nicht nur beim Klatschen bleibt, was brauchen die Beschäftigten?

Emma: Die Corona-Krise hat die patriarchale und kapitalistische Unterdrückung der Frauen gezeigt. Einerseits wurde sichtbar wo Frauen arbeiten. Gleichzeitig sind öffentliche Bereiche auf staatliche Anordnung mit patriarchaler Selbstgefälligkeit zur Gänze in das „private“ verlegt wurden, die Versorgung und Betreuung von Kindern, die Schule und auch „Home-Office“ als Heimarbeit. Viele sind mit der staatlich verordneten unzumutbaren 24-Stunden Kinderbetreuung völlig überfordert worden. Man durfte zwar die Kinder in eine Betreuungseinrichtung bringen, das galt aber nur für Ausnahmesituationen und nicht als Selbstverständnis. In den meisten Fällen gab es keine Freistellung von Beschäftigten die Kinder haben, denn über eine Freistellung durfte der Chef entscheiden. Es zeigt sich nun, was die feministische Ökonomie immer versucht in die Öffentlichkeit zu bringen, der Unterschied und Zusammenhang der unbezahlten und bezahlten Arbeit, und wo der Staat verordnet was bezahlt und was nicht bezahlt wird. Es wurde sichtbarer, dass die unbezahlte Versorgearbeit, u.a. von Kindern und älteren Menschen, die zu 2/3 Frauen leisten, gesellschaftlich relevante Arbeit ist und die bezahlte Versorgearbeit im Gesundheits-, Sozial- und Bildungsbereich und auch im Handel, in denen mehrheitlich Frauen arbeiten und unterm Durchschnitt entlohnt werden, gesellschaftlich relevante Arbeitsbranchen sind. Und dieses Bewusstsein kann zu einer Kraft werden für Arbeitskämpfe in diesen Branchen und für feministische Frauenstreiks.

Luzifa: Es ist sichtbar gemacht worden wer die gesellschafts-relevante Arbeit macht. Nicht die Manager, sondern jene im Handel, im Gesundheits- und Sozialbereich, etc.

Nadja: Die Ereignisse der letzten Monate belegen, dass das Patriarchat ein grundlegender Bestandteil der kapitalistischen Gesellschaft ist. Die Herrschenden haben sich immer bemüht in dieser Frage Verwirrung zu stiften, beispielsweise durch Argumente wie dem, dass das Patriarchat aus dem Ausland kommen würde. Jetzt ist es vollkommen offensichtlich, dass das nicht stimmt. Auch jene „Feministinnen“ welche meinten, dass die Unterdrückung der Frauen vor allem durch genügend „Quoten“ oder „Gendern“ beseitigt werden könnte, haben nun gezeigt dass sie in Wirklichkeit nicht die Anliegen und Interessen der Frauen vertreten. Wir sehen auch dass viele Maßnahmen der letzten Monate nicht nur „Corona-Maßnahmen“ waren, sondern im allgemeinen versucht wird Kinderbetreuung, Schulaufgaben, usw. wieder stärker zu „privatisieren“, und das gleichzeitig mit einer weiteren Arbeitszeitflexibilisierung. Uns muss klar sein, dass vieles davon bleiben wird, was ein enormer Angriff auf die Errungenschaften der Frauenbewegung bedeutet. Deshalb müssen wir für die Anliegen der Beschäftigten einstehen und sie in einen Abwehrkampf gegen die Abwälzung der Krisenlasten auf die breiten Massen einbetten.

AfA: Was sind eure nächsten Pläne, gibt es schon etwas das wir Ankündigen und unterstützen können?

Luzifa: Es ist wichtig ein breites Bündnis durch den Frauenstreik zusammenzubekommen, dass wir mehr Frauen die politisch nicht organisiert sind auf der Straße und durch Infotische erreichen und mit ihnen ins Gespräch kommen. Und den sogenannten ÖGB-Vertretern endlich mal in den „Arsch treten können“. Auch diese patriarchalen „Arbeitervertreter“ müssen endlich einmal begreifen, dass sie ohne die Frauen nicht einmal den ÖGB aufrecht erhalten könnten. Es wird Zeit in Österreich einen starken Kampf der Frauen und einen Frauenstreik zustande zu kommen, weil es die Frauen in diesem Kampf braucht.

Emma: Es gab jetzt ja die aktionistische und kämpferische kollektive Erfahrung von Frauen mit dem „Feministischen Raub-Aktionstag“ am 12. Juni, anlässlich des geschlechtsspezifischen Gesamteinkommenunterschied, der in Österreich ja 44,9% beträgt, mit Infotischen, Bühne und einer Frauendemo. Dieser Aktionstag wurde aus dem Frauenstreikbündnis und mit dem Frauen-Kampfbündnis initiiert und es beteiligten sich feministische, migrantische und linke Frauengruppen und -strukturen, Basisgewerkschaften und –initiativen und solidarische Gruppen.Gerade mit dieser Krise wird gezeigt, dass es darum geht ein solidarisches System aufzubauen, welches das Patriarchat, den Kapitalismus und Kolonialismus überwinden muss. Das schaffen wir nur wenn wir uns organisieren, aktiv sind und gemeinsam kämpfen. Kämpfen heißt auch, dass die Lebensgrundlagen von Frauen eine Grundlage sein müssen und Frauen sich auch autonom organisieren müssen, um eine neue solidarische Gesellschaft aufzubauen. Es geht um eine kollektive Organisierung von Unten.

Luzifa: Es braucht ein totales Umdenken der bestehenden Herrschaftsverhältnisse und mit einer Quotenregelung im Parlament wird dieses Problem nicht gelöst werden

Nadja: Die Erfahrungen und Kämpfe die nun geführt werden, sollen gebündelt werden in einer gemeinsamen Podiumsdiskussion „Wer soll für die Krise zahlen?“ welche am 26. Juni stattfinden wird. Dort sollen Beschäftigte aus verschiedenen Bereichen zu Wort kommen. Es muss uns klar sein, dass sich die aktuelle Krise noch verschärfen wird, denn es geht längst nicht mehr nur um die Corona-Pandemie, es ist eine allgemeine Krise des Kapitalismus und daher auch der kapitalistischen Wirtschaft. Und für ihre Verluste sollen nun die Massen zahlen. Jetzt schon gibt es Angriffe auf Kollektivverträge, Sonntagsöffnungszeiten werden diskutiert und die Arbeitslosigkeit wird wahrscheinlich noch weiter ansteigen. Unser erstes Anliegen muss es derzeit sein, eine weitere Verschlechterung der Lage für die ArbeiterInnen und die breiten Massen zu verhindern. Dabei müssen wir uns fest mit den Betroffenen zusammenschließen und eine Kraft schaffen welche diesen Kampf erfolgreich führen kann. Wir richten uns an die Frauen um sie in diesen Kampf hineinzuziehen, um zu zeigen, dass wir nicht wehrlos sind, sondern organisiert eine starke Kraft gegen Kapital und Patriarchat schaffen können.

Danke fürs Interview!

Interview der AfA mit Emma, Luzifa und Nadja

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