Wien: Bericht aus den Demonstrationen in Favoriten

Im folgenden veröffentlichen wir einen Bericht mit vielen Bildern aus den Demonstrationen in Favoriten. Neben den vielen Berichten die nun in den bürgerlichen Medien zu finden sind, ist dieser Bericht eine gute Widerspiegelung davon, wie sich die Auseinandersetzungen tatsächlich abgespielt haben!

-Korrespondenz eines Antifaschisten aus den Demonstrationen-

Antifaschistische Kämpfe in Wien Favoriten. Kein Fußbreit den faschistischen Grauen Wölfen!

Es begann mit einem Drohenangriff von Seiten des türkischen Staates in Kobane am 23. Juni, dass mit dem Tod von vier Frauen endete. In Wien wurde im 10. Bezirk aus diesem Grund eine Demo von antifaschistischen kurdischen, türkischen und österreichischen Frauenorganisationen am 24. Juni organisiert. Es brauchte nicht lange bis die Kundgebung die Aufmerksamkeit türkischer Faschisten, auch als „Graue Wölfe“ bekannt, auf sich zog.

Die Faschisten fingen an die Demo anzugreifen. Die DemonstratInnen zogen sich ins EKH (Ernst-Kirchweger-Haus) zurück, wo sie den Angriff abzuwehren versuchten. Laut AktivistInnen der Demo waren einige der Angreifer mit Messer bewaffnet und drohten die DemonstrantInnen umzubringen. Die Faschisten hatten sich dann im Wielandpark vorm EKH versammelt und versuchten immer wieder in das EKH einzudringen, wobei das Haus durchgehend von Glasflaschen beworfen wurde. Es sei kurz erwähnt, dass sich im EKH antifaschistische kurdische und türkische Vereine befinden, die besonders von den Faschisten ins Visier genommen wurden. Die DemonstrantInnen wehrten sich erfolgreich gegen Einbruchsversuche, sowohl im EKH, wie im benachbarten linken türkischen Verein DIDF.

Mittwoch 1

Einem Aufruf zur Solidarität folgen Hunderte AntifaschistInnen und starteten eine spontane Demonstration um den Angriff abzuwehren. Die Polizei tauchte erst dann in großem Aufgebot auf, jedoch nur um einen Polizeikessel um das EKH herum zu errichten und die DemonstrantInnen zu bedrängen und „angebliche Verdächtige“ aus dem Haus rauszuholen…Die Demo zog über die Favoritenstraße bis zum Hauptbahnhof.

Dieser Angriff würde nicht unbeantwortet bleiben. Gleich am nächsten Tag, dem 25. Juni versammelten sich wieder hunderte AntifaschistInnen beim Viktor-Adler-Markt, wo die Demo am vorigen Tag stattgefunden hatte. Die Polizei rückte wieder mit Straßenblockaden an, Bereitschaftseinheiten in Vollmontur, Helikopter und Hundestaffel. Wer glaubt, dass das zum Schutz der Bevölkerung nötig war, irrt gewaltig. Viele PassantInnen wurden von der Polizei willkürlich bedrängt und manche sogar beim Filmen der Geschehnisse geschlagen. Der Unmut durch das Polizeiaufgebot war unter den Bewohnern Favoritens deutlich größer als der zur Auseinandersetzung zwischen den Faschisten und den DemonstrantInnen. Dabei drückte die Polizei ein Auge bei den Faschisten zu, die ganz offen den „Wolfsgruß“ (türkischer Faschistengruß) zeigten und immer wieder Angriffe versuchten.

Die Demo die fünf bis sechs Mal so viele Leute versammelt hatte wie die faschistische Meute, zeigte sich kämpferisch und kühn. Bei jedem Angriffsversuch und Provokation der Faschisten kam eine viel stärkere Reaktion der AntifaschistInnen. Hier zeigte sich die Polizei wieder und stellte sich dazwischen, um die Faschisten vor der Masse an AntifaschistInnen zu beschützen, die die faschistische Bande niedergerrant hätte. Und das ein Mal nach dem anderen. Die Aussichtslosigkeit eines weiteren faschistischen Angriffes brachte die Angriffe während der Demo zum Abflauen. In den Straßen ertönten durchgehend lautstark: „Alerta! Alerta! Antifascista!“ „Faşizme Karşı Omuz Omuza!“ „Solidarität heißt Widerstand! Kampf den Faschismus in jedem Land!“

Die Angriffe nahmen jedoch am Abend wieder zu. Die Faschisten griffen wieder das EKH an, als die Demo sich schon aufgelöst hatte. Sie warfen mit Flaschen, Steine und Böller auf das EKH und es kam wieder zu Einbruchsversuche. Auch dieserAngriffe wurde erfolgreich abgewehrt! Die Polizei rückte wieder aus nachdem der Angriff vorbei war. Doch auch die AntifaschistInnen versammelten sich zu einer neuen spontanen Demo, die über die Favoritenstraße zum Hauptbahnhof verlief.

Es folgte nun die dritte Demo am Freitag den 26. Juni. Hunderte DemonstrantInnen versammelten sich diesmal vorm EKH und marschierten über die Favoritenstraße Richtung Hauptbahnhof. Trotz schlechtem Wetter zog die Demo kämpferisch weiter und gegen Ende war die Stimmung gut, sodass sogar kurdische und türkische revolutionäre Musik gespielt und getanzt wurde.

Freitag 2

Als die Nacht einbrach, fingen jedoch wieder die Angriffe an. Die Polizei kam wieder mit einem großem Aufgebot und Helikoptern. Die Demo hatte sich im Verlauf der Auseinandersetzungen weiter kämpferisch entwickelt. Die Demo wurde diesmal auch mit Pyrotechnik und Böllern verteidigt. Was deutlicher wurde, war die Rolle der Polizei. Die Blockaden der Polizei dienten den Faschisten als Rückzug, um dann wieder zu Provokationen übergehen zu können. Dabei wurden einzelne AntifaschistInnen von der Polizei angehalten und manche auch festgenommen. Am Ende wurden die DemonstrantInnen sogar dazu gezwungen in Gruppen von bis zu zehn Leute die Demo zu verlassen. Das stellte sich (wie anzunehmen), als eine Erleichterung für die Faschisten heraus, die diese Situation ausnutzten, um mit Stöcken und Messer auf DemonstrantInnen loszugehen. Was zuvor sich vor dem EKH und in den Seitengassen der Favoritenstraße abgespielt hatte, dehnte sich auf den Hauptbahnhof aus, insbesondere in der U-Bahn Station, wo antifaschistische AktivistInnen angegriffen wurden, sich aber auch erfolgreich zur Wehr setzten. Angriffe auf das EKH gingen auch diese Nacht weiter, doch auch hier waren die antifaschistischen DemonstrantInnen besser vorbereitet.

Am Samstag fand nun die vierte Demo statt, doch diese versammelte keine Hunderte, sondern um die 1500 Menschen! Am Samstag waren sowohl eine Anti-Burschenschafter Demonstration sowie eine weitere anti-Graue Wölfe Demo geplant. Die zweite Demo bekam dabei massiven Andrang durch die Erste. Die Versammlung an DemonstrantInnen der ersten Demo wurde dabei benutzt, um eine spontane Demo durchzuführen die vom Abschlussort der ersten Demo bis zum Startort der zweiten Demo beim Columbusplatz in Wien Favoriten stattfand. Auch hier hinderte die Polizei die DemonstrantInnen und machten beim Schwarzenbergplatz Identitätsfeststellungen.

Die vierte Demo zog dann über die Favoritenstraße und dann weiter bis zur türkischen Botschaft. Diese Demo war die erste in der Demoreihe, die nicht von Grauen Wölfen angegriffen wurde. Die vorige Demo hatte nach einigen Quellen bundesweite und sogar internationale Unterstützung (aus Deutschland) von anderen Grauen Wölfen bekommen. Doch die Grauen Wölfe waren durch die Misserfolge der letzten Tage nicht mehr dazu imstande zu größeren oder geschlossenen Angriffen gegen AntifaschistInnen überzugehen.

Einzelne Angriffe gab es aber trotzdem. Der Journalist Nurettin Civandağ wurde nämlich am Abend in Favoriten angegriffen. Es wird davon ausgegangen, dass der Angriff von Faschisten ausgeführt wurde. Civandağ musste ins Krankenhaus gebracht werden. Sein Gesundheitszustand ist noch ungewiss, doch er soll sich nicht in Lebensgefahr befinden.

Samstag Journalist verlrtez

Die letzten Tage haben einen lokalen Aufschwung des antifaschistischen Kampfes gezeigt, der sich gerechtfertigt gegen faschistische Gruppen richtet. Die Widersprüche verschärfen sich zunehmend durch die Verelendung der Gesellschaft im Zuge der sich entwickelnden Wirtschaftskrise, vorangetrieben und beschleunigt durch viele der Corona-Maßnahmen. Auch wenn der Ausbruch der Demo ein Angriff von Seiten des türkischen Staates gewesen ist, ist die Tendenz dieser Auseinandersetzungen eine, die sich schon seit längerem entwickelt. Schon am Ersten Mai (wie wir letztes Monat berichteten) wurde eine antifaschistische Demo in Favoriten von Grauen Wölfen in Favoriten angegriffen. Doch auch die zur Massenbewegung gewordenen Black Lives Matter Bewegung, Demos in Solidarität mit Palästina, sowie zunehmende Kämpfe und Streiks von Seiten der Bevölkerung haben zugenommen. Die Stimmung ist deutlich kämpferischer geworden und es gibt kein Anzeichen, dass das bald abnehmen wird. Wichtig ist bei jedem dieser Kämpfe die Perspektive nicht zu verlieren und viel mehr Perspektive und Richtung zu geben. Der Kampf gegen den Faschismus kann und soll nie getrennt vom Kampf gegen den Kapitalismus und Imperialismus gesehen werden. Das ist besonders wichtig, weil die verschiedenen Parteien des Kapitals (vor allem jetzt vor den Wiener Wahlen) versuchen werden, aus diesen Kämpfen ihre Vorteile zu ziehen. Sei es durch die Weitertreibung der Faschisierung der Gesellschaft („Demo Verbot in Favoriten“ oder „Verbot solidarischer Aktionen mit bewaffneten politischen Organisationen im Ausland“) oder durch das Aufpolieren der eigenen Image als „progressive PolitikerIn“. Man muss in den kommenden Stürmen sowohl tatkräftig und kühn die Kämpfe führen, aber dabei nicht die Richtung verlieren.

Schulter an Schulter gegen Faschismus!
Faşizme Karşı Omuz Omuza!
Hinter dem Faschismus steht das Kapital! Der Kampf um Befreiung ist international!

Luca C.

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