Kommentar: Der Rapid – „Skandal“ und warum Befindlichkeiten so eine breite Öffentlichkeit bekommen…

Erneut stand die Fanszene von Rapid in Kritik. Ein medialer Aufschrei macht die Runde: „Sexismus!“ Es sei ein Skandal. Vom eigentlichen Anliegen der Fans, sowie von den eigentlichen Problemen der Frauen will hingegen „niemand“ mehr was wissen. Nicht Rapid, sondern die herrschende Politik stellt sich damit ins Abseits!

Am Sonntag, 21. Juni, sorgten die Fans von Rapid für großes Aufsehen. Um ihrem gerechtfertigten Ärger über Geisterspiele Ausdruck zu verleihen brachten sie einen Transparent mit dem Spruch „A Stadion mit leeren Plätzen is wie a schiache Oide wetzen“ im leeren Stadion an. Und auch wenn es nach 15 Minuten schon wieder abgenommen wurde, reichte es aus um gefilmt und weit verbreitet zu werden.

Nun fällt dieser Spruch im allgemeinen Verständnis wohl unter die Kategorie „politisch nicht korrekt“, er kann auch als sexistisch kritisiert werden, kann den einen oder anderen Schmunzler hervorrufen oder den Ärger über die geschlossenen Stadien verstärken. Je nach Anschauung und Befindlichkeit. Ähnlich verhält es sich im Übrigen mit zahlreichen Texten der österreichischen Musik. So zu Beispiel wenn ein Georg Danzer im Wixerblues singt „Sogar de Blade aus der Trafik, hob i verärgert durch ein Missgeschick“, oder „Sogar de schiachsten Praterhuren sagen, schleich die Burli, bei uns host nix verluren“. Kann man mögen, oder nicht. Wozu aber weder der Spruch im Stadion noch die (durchaus sehr gute) Musik Danzers definitiv nicht taugen, ist der Skandal, der darin erkannt werden will. Zumal der Fußball (im Allgemeinen) erstens nicht gerade für seinen weiblichen Anhang bekannt ist und zweitens nicht den Anspruch stellt ein politisches Programm zu verbreiten.

Zurecht wies der Rapid Geschäftsführer Peschek die überzogene Kritik zurück: „Kritik und Meinungsfreiheit enden nicht an den Stadiontoren, daher ist es grundsätzlich so, dass Transparente zugelassen werden, so sie nicht strafrechtlich relevant sind.“ Außerdem betont er weiter im Bezug auf Sexismus: „Es gibt Diskussionen, es gab Diskussionen und es wird auch in Zukunft Diskussionen geben, weil das Thema eines ist, das eine gesellschaftliche Relevanz hat.“ Von Seiten des Vereins wurde zudem noch vor Spielbeginn, nach Diskussionen mit den Fans, das Transparent wieder abgenommen.

Als gesellschaftlich äußerst relevant scheint auch der österreichische Frauenring das Transparent zu sehen und fordert offensichtlich eine härtere Zensur der Fanszene. „Schon alleine die Anbringung hätte vom Verein unterbunden werden müssen“, so Klaudia Frieben (Vorsitzende der Dachorganisation österreichischer Frauenvereine). Sie bläst damit ins gleiche Horn wie auch andere „Vertreterinnen“ der Frauen bürgerlicher Organisationen und Parteien. Die Grüne Frauensprecherin Meri Disoski zeigt sich „entsetzt“ über diesen „frauenverachtenden Spruch“ und findet es offensichtlich „skandalös“, dass im Stadion solche Dinge möglich wären. SPÖ Bundesfrauengeschäftsführerin Andrea Brunner findet die „Verharmlosung inakzeptabel“ und meint es handle sich um ein „strukturelles Problem“ und brauche daher einen runden Tisch mit Frauenorganisationen aus ganz Österreich. Auch FPÖ Frauensprecherin Rosa Ecker meldet sich prompt zu Wort und fordert Sanktionen, auch durch die Bundesliga. Nicht zuletzt sei noch, ebenfalls eine Grüne, Agnes Sirkka Prammer (Sportsprecherin) zitiert: „Sexistische Botschaften sind nicht weniger widerwärtig und nicht weniger zu verurteilen, wenn sie auf dem Fußballplatz ausgesprochen werden, als überall sonst in der Gesellschaft.“ Dahinter stehe eine sexistische und frauenverachtende Grundhaltung, auch ihr seien das Abnehmen und eine Stellungnahme nicht genug. Die Grüne Sportsprecherin fordert weitere Konsequenzen durch Verein, Liga und Verband. Durch die Bank sprechen sich die bürgerlichen Politikerinnen und Politiker gegen dieses Spruchband aus. Frieben meinte zudem, auch bezüglich der Beschimpfung der WWF Aktivistin als „widerwärtiges Luder“ (was nebenbei bemerkt durchaus eine andere Qualität eines persönlichen Angriffes darstellt, als das Rapid-Transparent), dass es „beschämend“ sei wie Frauen im öffentlichen Raum verachtet werden und dass dies aufzeige „wie tief die patriarchalischen Strukturen in Österreich verwurzelt sind“.

Ja, das Patriarchat ist tatsächlich tief verwurzelt in Österreich. Doch nein, es zeigt sich definitiv nicht primär über Beschimpfungen und Spruchbänder. Ganz im Gegenteil, sind es gerade jene Frauen die nun laut schreien, runde Tische und Konsequenz fordern, welche von den tatsächlich Problemen der Mehrheit der Frauen in Österreich gekonnt ablenken!

Wo sind die Grünen „Feministinnen“, wenn es um die Auszahlung des Härtefonds geht – der für tausende Frauen eine dringende Notwendigkeit darstellt? Wo ist der mediale Aufschrei, der „Skandal“, dass erst um die 6% davon ausbezahlt wurden? Wo ist ihr „Entsetzen“ über die große Last, die Hunderttausende Frauen in den letzten Monaten durch Kinderbetreuung und Arbeit tragen mussten? Warum gibt es keine Stellungnahmen der SPÖ und Grünen, dass sie die Autonomie und Existenz des unabhängigen Frauenzentrums in Wien bedrohen? – Richtig, um diese Probleme, die tatsächlich die tiefe Verwurzelung des Patriarchats und seine ganz „normalen“ Auswirkungen in der Politik, ist es still geworden, während sich zu einem Spruchband im Stadion, ohne Zuschauer, welches vor Spielbeginn wieder abgenommen wurde scheinbar alle äußern müssen!

Zoran Barisic, der Sportdirektor von Rapid, stellt in einem Interview mit Sky zur Debatte, warum gerade dieses Transparent so für Aufregung gesorgt hat und über andere Fragen gekonnt geschwiegen wird: Ich bin jetzt erst vor kurzem ins Stadion gekommen und habe es jetzt erst gesehen, sie konfrontieren mich damit. Wir können aber auch über andere Dinge reden, über Unternehmen, die von Steuergeldern subventioniert werden, deren Mitarbeiter in die Kurzarbeit geschickt werden oder in die Arbeitslose geschickt werden, wo sich dann die Chefetage Dividenden auszahlen lässt. Wir könnten über viele Dinge reden.“

Sexismus und die „patriarchalen Strukturen“ werden völlig losgelöst von scheinbar alltäglichen Problemen und Angriffen auf die Mehrheit der Frauen dargestellt. Durch die Vertreterinnen der Herrschenden wird hier eine plumpe Propaganda verbreitet, die gegenüber den oben genannten Schwierigkeiten eine reine Verarschung für die Mehrheit der Frauen ist, wie das Klatschen für „unsere Heldinnen im Handel und in der Pflege“. Durch „Wertschätzung“ und eine „korrekte Sprache“ allein ändert sich die Lage der Frauen nicht, wird das Patriarchat nicht bekämpft! Wenngleich natürlich die Kultur und das politische Bewusstsein ganz und gar nicht unwichtig sind für die Emanzipation der Frauen. Nicht zuletzt der gelungene „Feministische Aktionstag“ am 12. Juni in Wien stellte das unter Beweis, indem ein selbstbewusster, kämpferischer Ausdruck, sowohl in der Demonstration, durch Parolen, Reden, als auch durch musikalische Einlagen und Straßentheater auf die Straße gebracht wurde.

Nicht Rapid stellte sich also ins Abseits, es sind jene die sich nun vor Kritik beinahe überschlagen welche sich durch ihr Ablenkungsmanöver ins Abseits schießen. Sie lenken ab, von der gerechtfertigten Kritik an Geisterspielen und sie lenken ab von ihrer eigenen frauenfeindlichen Politik!

Nora

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