Keine Ehrung für den Anführer des antifaschistischen Widerstands.

Im folgenden veröffentlichen wir hier einen Artikel der in der aktuellen Mai-Nummer der „AfA“ veröffentlicht wurde.

Am 27. April jährte sich die Unabhängigkeitserklärung Österreichs vom Deutschen Reich zum 75. Mal, sie ist wichtiger Teil der Niederlage der Nazis, die sich am 8./9. Mai mit der Kapitulation Hitlerdeutschlands vollendete. In dieser Unabhängigkeitserklärung wird die Besatzung durch das Deutsche Reich und der gesamte sogenannte „Anschluss“ für Null und Nichtig erklärt, unterzeichnet wurde neben den Spitzen der SPÖ und ÖVP, sowie dem damaligen Staatskanzler Renner, auch von Johann Koplenig, dem damaligen Vorsitzenden der KPÖ.

Fast allen Unterzeichnern der Unabhängigkeitserklärung wird in Wien mit der Benennung von Plätzen oder Straßen gedacht. Adolf Schärf (SPÖ), Leopold Kunschak (ÖVP) und Karl Renner (Staatskanzler) erhielten damit öffentliche Ehre und Gedächtnisorte. Nur dem ehemaligen Vorsitzenden der KPÖ, Johann Koplenig blieb das bisher verwehrt. Seit 1976 gibt es Initiativen, die die Benennung einer öffentlichen Verkehrsfläche nach Koplenig einfordern, seit 1988 spricht sich auch die Mehrheit der Bezirksvertretung Brigittenau (Wien 20.) dafür aus, dass Teile des in diesem Bezirk gelegenen Hochstödtplatzes (dort befand sich früher die Parteizentrale der KPÖ) nach Koplenig benannt werden. So wurde auch zum 75. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung Österreichs dieses Anliegen erneuert. Doch obwohl sich die Bezirksvertretung seit Jahrzehnten mit einer absoluten und relativen Mehrheit dafür ausspricht (in den achtziger Jahren unterstützen neben der SPÖ und den Grünen auch die ÖVP und FPÖ dieses Anliegen), geht die Stadt Wien, insbesondere die rot/grüne Stadtregierung, andere Wege. Natürlich rechneten viele Bewohner der Brigittenau, viele Antifaschisten, Kommunisten und Revolutionäre damit, dass zum 75. Jahr der Unabhängigkeitserklärung Johann Koplenig als Mitgründer der Republik Österreich endlich die öffentliche Ehre erhalten werde, dass zumindest ein Teil eines Platzes nach ihm benannt wird. Doch es kam anders…

Ein „Geheimausschuss“ zur Verkehrsflächenbenennung der Stadt Wien ließ vom Magistrat 9 (WienBibliothek) ein Gutachten über Johann Koplenig anfertigen. Darin wird festgehalten, dass er die „Sowjetunion unterstützt“ und am „Ziel der Diktatur des Proletariats festgehalten hat“. Damit ist für das Magistrat klar, dass er sich „nie von totalitärer Ideologie“ distanziert habe und daher die Benennung einer Verkehrsfläche nach Koplenig unmöglich sei. Jener Ausschuss, der im Wiener Gemeinderat für die Verkehrsflächenbenennung zuständig ist, lehnte daraufhin eine Benennung nach dem ehemaligen KPÖ-Vorsitzenden einstimmig ab. Trotz intensiver Recherche verschiedenster Stellen war nicht herauszubekommen, wer diesem Ausschuss angehörte, auf Nachfrage von Historikern und Presseleuten hieß es, dass das dem „Datenschutz“ unterliege, was natürlich etwas seltsam ist gegenüber einem gewählten Gemeinderat und dem Umstand, dass die Haltung von Politikern durchaus von öffentlichem Interesse ist. Dennoch versteckte sich die Stadt Wien feige hinter dem Pseudoargument „Datenschutz“, womit jedes Aufkommen von Diskussion über diese Entscheidung unterbunden werden soll. So weit ist es also her mit dem „demokratischen Verständnis“, dass selbst die Entscheidungsverantwortlichen zur Benennung von Verkehrsflächen nicht mehr öffentlich gemacht werden. Das heißt sie können in ihrer Funktion tun und lassen was sie wollen und müssen sich vor keiner Öffentlichkeit mehr rechtfertigen. Sehr „demokratisch“ geht es zu in Wien! Das hat natürlich auch damit zu tun, dass der Ausschuss – so viel war herauszubekommen – seine Entscheidung einstimmig traf, also auch SPÖ- und Grüne Ausschussmitglieder gegen eine Benennung nach Johann Koplenig stimmten. Das ist nun insofern interessant, da in der Brigittenau eine Bezirksvertretungsmehrheit von SPÖ und Grünen für die Benennung eintrat, die Bezirksfunktionäre also einen Johann-Koplenig-Platz in der Brigittenau für richtig halten würden. Über die eigenen Bezirksfunktionäre wird in dieser Frage nun aber durch den Gemeinderatsausschuss einfach drübergefahren.

Dass der Ausschuss des Gemeinderates einen Johan-Koplenig-Platz ablehnte, sorgte für einige Artikel in der Presse (z.B. in der Wiener Zeitung), in antifaschistischen Medien natürlich sowieso. Ihnen allen war gemeinsam, dass sie Koplenig vor allem als Mitgründer der Zweiten Republik behandelten und es als großes Unrecht darstellten, dass ihm gegenüber als einzigem der Gründer der Republik noch keine Benennung erfolgte. Das ist richtig, aber dennoch nur die halbe Wahrheit. Denn Johann Koplenig war nicht einfach nur Mitgründer der Republik, er war auch und vor allem Vorsitzender der KPÖ und damit jener Partei, die den antifaschistischen Widerstand geführt hat. Sogar bürgerliche Historiker (z.B. Neugebauer) vermerken, dass im politisch organisierten Widerstand gegen den Faschismus rund 75% Kommunisten waren, und dass die KPÖ „die einzige politische Kraft war, die im März 1938 zum Kampf für die Wiederherstellung eines selbstständigen Österreich aufrief.“ (Wiener Zeitung).

Dass die Stadt Wien einen Johann-Koplenig-Platz verweigert, ist nur in zweiter Linie eine Verweigerung gegenüber dem Mitgründer der Republik. In Wahrheit ist es vor allem eine Verweigerung, dem Anführer des antifaschistischen Widerstands in Österreich, der Johann Koplenig nun mal war, Anerkennung und Ehre entgegenzubringen. Man kann über Koplenigs Rolle in der Zweiten Republik unterschiedlicher Meinung sein, auch über seine Ideologie und die ganze KPÖ, aber dass er der unbestrittene Führer des antifaschistischen Widerstands gegen die Nazis war, ist ein historischer Fakt und keine Meinungsfrage. Daher ist die Verweigerung einer Flächenbenennung ein Schlag ins Gesicht aller Antifaschisten! Insbesondere auch jener Antifaschisten, die z.B. noch in der SPÖ organisiert sind, denn in Wien würde es natürlich stark an ihrer Parteiführung liegen, entsprechend zu handeln und endlich einen Johann-Koplenig-Platz zu schaffen. Außerdem zeigt sich, dass es nichts als Heuchelei und billiger Stimmenfang ist, wenn die grüne Vizebürgermeisterin Birgit Hebein sich auf jeder zweiten antifaschistischen Demonstration kurz blicken lässt und sich auch sonst „antifaschistisch engagiert“, zur Causa Koplenig-Platz aber eisern schweigt und so tut, als wisse sie von nichts. In der Hand dieser beiden Parteien der Stadtregierung wäre es gelegen, doch was haben sie getan? Sie spucken auf das Grab Johann Koplenigs und treten das Vermächtnis des antifaschistischen Widerstands mit Füßen! Auch im 75. Jahr der Unabhängigkeitserklärung.

Es lebe das Vermächtnis des antifaschistischen Widerstands!

Offenlegung der Mitglieder des befassten Gemeindeausschusses, Ermöglichung einer öffentlichen Diskussion über die Ausschussentscheidung!

Her mit einem angemessenen Johann-Koplenig-Platz!

Fritz

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