Seitenblicke aus dem Team ArbeiterInnenklasse und Volksmassen

-Korrespondenz-

Nachdem die Redaktion der Antifaschistischen Aktion – Infoblatt am 16.03. einen sehr vorausblickenden und inspirierenden Artikel zur „Corona-Krise“veröffentliche, möchte ich ein paar Einblicke aus dem daraus resultierenden Alltag darlegen und über das Thema Kurzarbeit in meinen Beitrieb berichten.

Wir sind ein mittelgroßer Beitrieb mit ca. 150 Mitarbeitern, ein privates Unternehmen das Krankentransporte auf Kosten der Krankenkassen durchführt, d.h. nebenbei profitiert die Firma vom Gesundheitssystem und somit auch von uns Steuerzahlern. Seit dem sich das Thema Corona-Virus und Kurzarbeit verbreitet hat, gab es eine Welle an Krankenständen und es herrschte eine Unsicherheit unter den KollegInnen. Keiner wusste so genau was das bedeutet und welche Folgen es hat. Innerhalb von 2 Tagen wurden alle Mitarbeiter in die Zentrale gerufen, um die Kurzarbeit mit einer Unterschrift zu bestätigen jedoch ohne genauere Informationen. Jedoch hieß es, dass wir froh sein können über unseren sozialen Chef der uns nicht kündigt, wie in manchen Konkurrenzbetrieben, und das alte Team nach der Krise wieder im vollen Gange arbeiten kann. Genau mit der Masche wird auch vom ÖGB die Kurzarbeit als was gutes für die ArbeiterInnen versucht zu verkaufen.

Doch was genau ist jetzt eigentlich diese Kurzarbeit von der alle reden?
„Sie dient zur Überbrückung von wirtschaftlichen Störungen“ in der die Arbeitszeit und der Lohn herabgesetzt werden. Dieses Modell wurde von der Sozialpartnerschaft mit Arbeiterkammer und Wirtschaftskammer ausverhandelt. Während dieser Zeit kann man zwischen 10 und 90% der normalen Arbeitszeit eingesetzt werden und bekommt bei einem Bruttolohn bis €1700 90% und über €1700 80%* ausbezahlt. Zusätzlich müssen viele den ganzen Resturlaub und sämtlichen Zeitausgleich verbrauchen, was ja besonders in der jetzigen Situation mit den ganzen Beschränkungen unlustig ist. Der Betrieb muss 3 Wochen in voraus die Kurzarbeit beim AMS anmelden und bekommt für alle nicht geleisteten Stunden das Geld aus den Taschen der Steuerzahlern. Was einfach eine bodenlose Frechheit ist, dass Groß- und Mittelbetriebe Sozialgelder schnorren, obwohl sich größtenteils der Gewinn der Monopolgruppen im Privatbesitz befinden. Der Gewinn den die Arbeiter erschaffen und den sich die Kapitalisten einfach aneigenen. Bestes Beispiel dafür zeigte der KTM Chef Stefan Pierer, der seine 3700 Mitarbeiter in Kurzarbeit schickte und sich als größter Aktionär seiner Firma (62,6%) €6,8 Millionen ausschütten lies.

Jetzt klingen 90% vom Lohn in erster Linie nicht schlecht, aber in der Praxis bedeutet das für die meisten ein finanzielles Desaster. Es fallen bei mir Tagesgelder und 10% vom Bruttolohn weg, was in dem Fall unterm Strich ca. €300-€400/Monat weniger ist. Viele Kollegen arbeiten bei uns freiwillig an Sonn- und Feiertagen und machen Überstunden um mehr zu verdienen, da der Grundlohn ohnehin nicht ausreicht um ein Familie zu ernähren. Nebenbei haben einige auch noch Kredite am laufen bei denen die Raten neben Miete und anderen lebensnotwendigen Ausgaben nicht bezahlbar sind. „Wir arbeiten nicht zum Vergnügen im Schnitt 50-60 Stunden/Woche, sondern weil wir das Geld zum Leben brauchen.“, sagen die Kollegen. Jetzt sind es ca. 15-20 Stunden/Woche und man muss jeden Tag auf Abruf bereit sein und 2 Stunden vor dem Dienst in unbezahlte Bereitschaft gehen. Die Auftragslage ist niedrig, jedoch müssen wir flexibel bleiben, werden aber auf einem Minimum eingesetzt damit die Firma für die restlichen Stunden mehr schnorren kann. Manche sagen „sudern auf hohem Niveau, seits froh ned kündigt z‘werden“ dazu, aber es zeigt sehr deutlich den Charakter des Kapitalismus oder wie im oben angegebenen Artikel – „den natürlichen Zynismus des Kapitals“, dass Bezahlung und Freizeit auf maximale Flexibilität gestellt werden mit einen minimalen Lohn, den wir während der Kurzarbeit in diesen Fall zu 80% selbst aus den eingezahlten Steuergeldern bezahlen – Ich würde eher moderne Versklavung dazu sagen.

Ohne Rücksicht auf Verluste werden daher Kunden von manchen Spitälern, obwohl es Direktiven für Einzeltransporte gab, zu dritt oder sogar zu viert in einem Auto transportiert was einen Sicherheitsabstand von einem Meter unmöglich macht. Schutzmasken werden dabei nicht von der Firma ausgehändigt, sondern dem Zufall überlassen, ob man irgendwo unterwegs im nächsten Krankenhaus eine bekommt. Aber selbst in den Krankenhäusern herrschte ein großer Mangel an Schutzausrüstung. Aus Bekanntenkreisen ist mir erzählt worden, dass es im AKH für die Putzfrauen keine offizielle Verteilung von Masken gibt. Sitzt man nicht an der Quelle zum Lager oder kennt jemand der an der Quelle sitzt, ist man sich quasi selbst überlassen. Putzfrauen im Labor werden von Vorgesetzten nicht einmal aufgeklärt, dass auch Corona Tests durchgeführt werden, sondern die können sichs nur denken oder hören es von den Kollegen und tappen dabei mit einer Unsicherheit im Dunklen.

Es geht momentan drunter und drüber im Gesundheitswesen oder aber auch im Lebensmittelhandel. Die ArbeiterInnen in den Branchen müssen momentan Überstunden ohne Ende leisten. Es sind Branchen welche am relevantesten für das System sind und seit Jahren durch zu niedrige Löhne, Überstunden und zu wenig Personal kaputtgespart wurden. Die Volksmassen erkennen nun noch deutlicher, wie wichtig diese Branchen sind. Es bietet sich eine Situation der Aufmerksamkeit um einen Arbeitskampf zu entfachen, oder den im Gesundheitsbereich bereits existierenden gestärkt weiterzuführen!

Keine Abwälzung der Kosten der „Corona-Krise“ auf die ArbeiterInnenklasse und Volksmassen!
Nein zu Kündigungen, Entlassungen und Kurzarbeit!

Aussetzungen der Mietzahlungen bei Entlassung und Kündigung, bzw. anteilsweise Reduktion im Fall von Kurzarbeit!
Kein Einkommensverlust bei seuchenbedingter Entlassung, Kündigung und Kurzarbeit!

Sofortige Aufstockung des medizinischen und pädagogischen Personals in den Einrichtungen des öffentlichen und Gesundheits- und Sozialsystems! Gleichzeitige Arbeitsverkürzung auf 35 Stunden bei vollem Lohn und Personalausgleich!

Marko
* Genau: Man bekommt 90 Prozent vom vor der Kurzarbeit bezogenen Nettoentgelt wenn das davor bezogene Bruttoentgelt (ohne anteilige Sonderzahlung) bis zu 1.700 Euro beträgt; 85 Prozent bei einem Bruttoentgelt zwischen 1.700 und 2.685 Euro und 80 Prozent bei höheren Bruttoentgelten.

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