Sozialbereich: Wo bleibt der Gesundheitsschutz für die Beschäftigten?

Leserbrief aus dem Sozialbereich

Während auf der einen Seite knapp 200.000 im Zuge der sogenannten „Corona-Krise“ gekündigt wurden, ist im Sozial- und Betreuungsbereich in vielen Bereichen der Druck massiv gestiegen. Während vor allem beratende Tätigkeiten auf „Home-office“ umgestellt wurden, oder ambulante Dienste (beispielsweise Tagesstätten für behinderte Personen) teilweise ganz eingestellt wurden, sind die stationären Einrichtungen (Kinder, behinderte Personen, aber auch natürlich im Alten- und Pflegebereich) nun einer viel höheren Arbeitsintensität, Überstunden sowie psychischer und körperlicher Belastung ausgesetzt.

Während genau vor „Corona“ die Streiks rund um die Kollektivvertragsverhandlungen in der Sozialwirtschaft immer stärkere Mobilisierung und Kampfbereitschaft der Beschäftigten gezeigt haben, sollen nun geradezu selbstverständlich genau diese Bereiche „alles geben was notwendig ist“ und die wichtigen Forderungen sollten einfach „vergessen“ werden. Nun sollen auf der einen Seite Familien die gesamte Betreuung der Kinder (auch schulische Leistungen) und vermehrt die Betreuung der pflegebedürftigen Familienmitglieder übernehmen und auf der anderen Seite werden Wohnheime und betreute Wohngemeinschaften durch den Wegfall von Schule/Arbeitsstätten/Therapien/Freizeit u.ä. überlastet. In den Betreuungseinrichtungen gibt es, trotz schon vorher bestandenem Personalmangel, keine Aufstockung von Personal (!). Zudem zeigt sich in dieser Situation ebenfalls wie viel ohnehin schon durch „Billigarbeitskräfte“ wie gratis PraktikantInnen oder Zivildiener eingespart wurde, da diese jetzt großteils wegfallen. Anscheinend vollkommen „selbstverständlich“ müssen die Forderungen der Beschäftigten im Pflege- und Sozialbereich nun warten und verschoben werden, obwohl wir es genau jetzt unbedingt nötig hätten: die 35 Stunden Woche bei vollem Lohn- und Personalausgleich!

Stattdessen müssen die Beschäftigten in den Betreuungseinrichtungen nun zahlreiche Überstunden machen und von ihnen wird „höchste Flexibilität“ verlangt: verschobene und extra Dienste, zusätzliche Nachtdienste, Mehrstunden usw… Zusätzlich zu den Maßnahmen der Regierung kamen bei uns im Betrieb strenge interne Maßnahmen bezüglich der zu betreuenden KlientInnen. Nicht so streng wird aber der Schutz der MitarbeiterInnen genommen, denn es gibt in vielen Bereichen keine Schutzausrüstung wie genügend Desinfektionsmittel, Masken, Handschuhe. Genauso fahren die MitarbeiterInnen zu großen Teilen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in die Arbeit, was angesichts der sehr strengen Maßnahmen für KlientInnen absurd ist und diese daher eher als „absichernde“ Maßnahmen der Einrichtungen gesehen werden müssen, und nicht als Schutz, weder der Beschäftigten noch der KlientInnen. Mir ist bis jetzt noch keine Betreuungseinrichtung bekannt die (planmäßig) regelmäßig desinfiziert wird, oder wo Corona-Virus Tests vorsorglich gemacht werden. Auch gibt es zu großen Teilen keine Krisenpläne und auch das soll auf die Angestellten abgeschoben werden. In einer Behinderteneinrichtung in Niederösterreich wurden selbstverständlich die Beschäftigten dazu gedrängt, um mit infizierten BewohnerInnen in Quarantäne zu gehen. Ähnliche „Pläne“ gibt es auch in den meisten anderen Einrichtungen, womit nicht nur die Beschäftigten sich „freiwillig“ infizieren lassen sollen, sondern auch deren Familien und Angehörige hoher Infizierungsgefahr ausgesetzt werden. Nicht nur wird hier mit der „sozialen Ader“ der Beschäftigten gespielt, auch ist eine Infizierung eine Aufgabe des Gesundheitswesens, das heißt der Krankenhäuser, die nun auf die „Hilfsbereitschaft“ der Beschäftigten im Sozialbereich abgewälzt werden soll.

Im Betreuungsbereich sind 88% der Beschäftigten Frauen. Viele davon haben Kinder Zuhause und die Mehrheit unter ihnen muss weiterhin arbeiten, großteils auch weil sie zu den „systemrelevanten Berufen“ zählen und deshalb selbstverständlich „weiterhin arbeiten gehen müssen“. Dieses von den Medien nun verbreitete Schlagwort der „systemrelevanten Berufe“ ist erstens falsch, weil die Mehrheit der Arbeiter und Angestellten weiterarbeiten muss (zu weiten Teilen Industrie, Baustellen u.a.) und soll zweitens vor allem dazu dienen, dass alles unwidersprochen mitgemacht wird: Überstunden, psychische und physische Belastung und Stress, oder auch die vorher erwähnte „freiwillige“ Gefahr einer Infizierung. All diese Tatsachen lassen dann das wöchentliche „Lob“ unserer Chefs und der Regierung über die „Helden des Alltags“ in den „systemrelevanten Berufen“ sauer aufstoßen. Als Beschäftigte im Sozialbereich dürfen wir uns auch trotz „Corona-Krise“ nicht alles gefallen lassen und auch die gerechtfertigten Forderungen nicht „aufschieben“, zu unserem eigenen Schutz und zum Schutz der KlientInnen. Noch viel deutlicher sehen wir es jetzt, dass wir selber einfordern und dafür kämpfen müssen, was es braucht:

Sofortige Bereitstellung von ausreichend Schutz- und Hygienemitteln in allen Einrichtungen mit Einführung des Personals! Regelmäßige (professionelle) Desinfektion der Betreuungseinrichtungen!
Gefahrenzulagen für alle Beschäftigten im Sozialbereich! Die Betreuung und medizinische Versorgung von allen infizierten KlientInnen (auch mit mildem Krankheitsverlauf!) muss von Einrichtungen des öffentlichen Gesundheitssystems übernommen werden!

Jederzeitige Freistellung bei Lohnfortzahlung zu Kinderbetreuungszwecken!

Aufstockung des Personals! Gleichzeitige Arbeitszeitverkürzung auf 35 Stunden bei vollem Lohn- und Personalausgleich!

Johanna, 30 Jahre

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