Leserbrief: Für einen kämpferischen Antifaschismus und warum der „Jugendwiderstand“ dafür nicht taugt

Wir haben von einer Gruppe von AntifaschistInnen einen Leserbrief zugeschickt bekommen, den wir allen Leserinnen und Lesern der „AfA“ sehr empfehlen können und auch gerne hier veröffentlichen. Der Blick vieler AntifaschistInnen in Österreich richtet sich derzeit auf Chemnitz in Deutschland, auf die rassistische Mobilisierung und auf die Kämpfe der AntifaschistInnen. Viele Diskussionen werden über nun notwendige Haltungen von kämpferischen AntifaschistInnen geführt und Antworten werden verlangt. Wir denken dieser Leserbrief der eine Kritik am „Jugendwiderstand“ ist wird helfen einige dieser Fragen zu beantworten!

Leserbrief von kämpferischen AntifaschistInnen aus Österreich

Für einen kämpferischen Antifaschismus und warum der „Jugendwiderstand“ dafür nicht taugt
Chemnitz als Widerspiegelung der deutschen Zustände

Die jüngsten Ereignisse in der ostdeutschen Stadt Chemnitz zeigten nicht nur mit aller Dringlichkeit die Notwendigkeit eines kämpferischen Antifaschismus auf, sie brachten auch allerhand falschen „Antifaschismus“ ans Licht, wie jener der sogenannten Gruppe „Jugendwiderstand“* aus Deutschland. Mit ihrer jüngsten Stellungnahme präsentiert sich diese Gruppe sinnbildlich für all jene „Organisationen“ die den kämpferischen (bis hin zu proletarischem) Antifaschismus als leere Worthülse vor sich her tragen, unabhängig von jeglichem sozialem Inhalt, unabhängig vom Imperialismus, unabhängig von den deutschen Zuständen.

Die rassistischen Demonstrationen bis hin zu Pogromen in Chemnitz, die der Jugendwiderstand (wie neuerdings auch der BND-Chef) für eine bloße „Inszenierung“, für ein (für Deutschland?) „unwürdiges Schauspiel“ hält, stehen weder für sich alleine, noch sind diese „vom Himmel“ gefallen. Abgesehen von der jüngeren Geschichte Deutschlands auf die wir hier nicht genauer eingehen müssen, zeigen die vergangenen Jahre deutlich, dass Rassismus, Chauvinismus und faschistische Angriffe keine „Inszenierung“ einiger „alter Säcke“ sind, sondern notwendiger Bestandteil einer imperialistischen Nation die wieder zu ihrer „alten Stärke“ gelangen will, die wieder von der Führung Europas träumt. Neben dem offen staatlichen Rassismus gibt es über 2.200 dokumentierte rassistische Angriffe pro Jahr in Deutschland, beinahe täglich gibt es laut offiziellen Zahlen – manchmal kleinere, manchmal größere – Anschläge auf Asylheime und nicht selten kommt es zu rassistischen Morden (dabei bildet der NSU nur die Spitze des Eisberges und zeigt gleichzeitig die massiven staatlichen Verstrickungen auf). Diese Realität durch eine „Naziszene“ zu ersetzen und gleichzeitig die herrschende Klasse in Deutschland vollkommen aus dem Schussfeld zu nehmen, ist im besten Fall kindlich naiv, im schlechtesten ein wahrer Hilfsdienst am reaktionären deutschen Staat.

Der Mord an dem Arbeiter Daniel Hillig ist ohne Zweifel von jedem Antifaschisten klar zu verurteilen, und besonders die scheußliche Instrumentalisierung für die er nun benutzt wird. Diesen jedoch mit der oberflächlichen Binsenweisheit „Arschloch ist Arschloch! Die Nationalität ist völlig egal!“ zu erklären versuchen (die als Grundhaltung unorganisierter und nicht sehr weitgehend politisierter Individuen nicht zu verurteilen ist, doch als Erklärungsversuch einer politischen Gruppe mehr als nur untauglich ist) ist nicht weniger „Gutmensch-Argument“ als jene, die der Jugenwiderstand so gerne herzhaft „kritisiert“. Als konsequente, kämpferische und proletarische Antifaschisten können wir jedoch nicht ignorieren dass es politisch einen qualitativen Unterschied macht ob ein Flüchtling bzw. Migrant aus einem unterdrückten, oder einem unterdrückenden Land kommt. So ist beispielsweise ein deutscher Migrant in Österreich (und davon gibt es nicht wenige!), oder eine Französin in Deutschland, nicht dasselbe wie ein syrischer Migrant in Österreich (oder eben in Deutschland). Dieser Unterschied unter Migranten ist nicht zu leugnen, denn der eine Migrant ist einer umfassenden nationalen Unterdrückung durch den Imperialismus unterworfen (was vor allem Flüchtlinge betrifft) der andere nicht, was eben nicht „egal“ ist. Die Haltung des Jugendwiderstandes, dass auch Flüchtlinge „Schweine. Reaktionäre. Halsabschneider. Kaputte. Lumpen“ sein können „unabhängig von ihrer Nationalität“, ist eine Binsenweisheit die zu betonen vor allem dazu hilft, den weltweiten Hauptwiderspruch zwischen Imperialismus und unterdrückten Völkern und Nationen zu negieren, und zielt in der derzeitigen Lage auf nichts anderes ab, als den deutschen Imperialismus und den widerlichen Chauvinismus den dieser hervorbringt zu vertuschen und ihn als gleichwertigen Feind wie reaktionäre MigrantInnen darzustellen. Das ist die eigentliche Realitätsverweigerung, die der Jugendwiderstand doch so gern den „Gutmenschen“ in die Schuhe schiebt. Ja, auch wir als kämpferische Antifaschisten kritisieren die sogenannten „Gutmenschen“ die blind sind gegenüber reaktionären Haltungen und Klassenunterschieden unter MigrantInnen, aber noch viel schlimmer sind jene Kräfte die sich blind stellen gegenüber dem Imperialismus, blind stellen gegenüber dem deutschen Chauvinismus und seinen Zuständen, blind stellen gegenüber dem Hauptfeind.

Als ob das alles nicht genug wäre, darf bei (fast) jedem Artikel des Jugendwiderstandes auch eine gehörige Portion patriarchaler, machohafter Scheiße nicht fehlen. Lesen wir die Stellungnahme des Jugendwiderstand, dann drängt sich die Frage auf, ob aus Sicht des Jugendwiderstandes alles nicht so schlimm gewesen wäre, hätten sich jene Syrer und Iraker die Daniel Hillig vermutlich umgebracht haben, „ehrenvoll“, „mit Fäusten“ „gestellt“, anstatt „feige“ das Messer zu ziehen, denn dann hätten „die Mütter (…) nicht weinen müssen, wegen Söhnen, die für nichts sterben“. Was hat so ein „ehrenvoller“ Blödsinn mit „links“ oder „antifaschistisch“ zu tun? Nichts! Als kämpferischen AntifaschistInnen drängen sich uns zwei Fragen auf, 1) Wie verhält es sich, wenn jemand erschlagen und nicht erstochen wird? Ist das dann „ehrenhaft“? 2) Für Männer ist eine Rauferei also „ehrenvoll“, während Frauen bei sowas nichts weiter zu tun haben als Tränen zu vergießen? Dass der Jugendwiderstand nicht gerade für Feminismus (weder für proletarischen, noch für kleinbürgerlichen) bekannt ist, ist keine große Neuigkeit, aber genauso wenig wie mit Feminismus hat diese reaktionäre Truppe offenbar etwas mit Antifaschismus, schon gar nicht mit kämpferischem Antifaschismus zu tun! Der Mord an Daniel Hillig dient dem Jugendwiderstand offenbar nur als Vorwand, um ein weiteres Mal die rassistische und faschistische Mobilisierung der deutschen Herrschenden aus dem Schussfeld zu nehmen und sich auf‘s Peinlichste selbst zu inszenieren. Von Interesse mag in diesem Zusammenhang weiter sein, dass die hier zitierte Stellungnahme des Jugendwiderstands im reaktionären, spießigen Milieu von Querfront, KenFM, Ex-Trotzkisten und rotefahne.eu positiv aufgenommen wurde (Link:https://linkezeitung.de) und gleich mit dem Hinweis versehen wurde, dass deutsche Behörden bei „Kopfabschneidern“ viel zu lange „konsequent in die falsche Richtung geschaut“ hätten, die Stellungnahme des Jugendwiderstands nun also dazu dient, über die „Messerfrage“ eine Verschärfung von Repression und Überwachung einzumahnen. Im selben Dunstkreis werden übrigens Artikel veröffentlicht, die der AfD vorwerfen inkonsequent zu sein, zwar positiv begonnen zu haben, aber nun „Bettvorleger“ des „amerikanisch-deutschen Imperiums“ zu sein. Tja, zeige mir deine Freunde und ich sage dir, wer du bist… Der Jugendwiderstand zeigt damit, dass sein „Antifaschismus“ nur Show ist, vollkommen zahnlos, ohne fortschrittliche politische Kraft, ohne proletarischen Klassenstandpunkt.

Die Ereignisse in Chemnitz rufen alle Antirassisten und Antifaschisten auch in Österreich dazu auf, noch kräftiger an einer festen Grundlage der antifaschistischen Bewegung zu arbeiten. Reaktionäre Banden wie der Jugendwiderstand zeigen allen kämpferischen AntifaschistInnen, dass sie umso mehr gefordert sind den Faschismus als Bestandteil der weltweiten Unterdrückung und Ausbeutung zu bekämpfen, als Bestandteil des Imperialismus, als Bestandteil der herrschenden Ordnung! Nicht die „ehrenvolle“ Faust macht den Antifaschismus zu kämpferischem Antifaschismus, sondern die Orientierung auf den Kampf gegen die herrschende Ordnung – gegen das Kapital! Wir würden es gut finden, wenn euer Infoblatt hierauf in Zukunft mehr Gewicht legt.

Mit kämpferischen, antifaschistischen Grüßen,
Antifaschistische Gruppe Saualpe (Koroška/Kärnten)

*Alle kursiv gesetzten Zitate stammen aus dem Jugendwiderstand-Artikel vom 27. August 2018 „Antifaschistischer Arbeiter in Chemnitz ermordet – Ruhe in Frieden Daniel Hillig“

Eine Antwort zu “Leserbrief: Für einen kämpferischen Antifaschismus und warum der „Jugendwiderstand“ dafür nicht taugt

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